Prof. DDr. Michael Hartmann
Musikdirektor am Bürgersaal
Orgel- und Kirchenmusik aus der Bürgersaalkirche
Die Orgel derBürgersaalkirche
Zu Beginn des Jahres 1992 entschloss sich die Marianische Männerkongregation am Bürgersaal zu einem Orgelneubau. Ohne ein Konzept für dieses Projekt zu präsentieren, schaltete die Vorstandschaft eine Annonce in der Münchner Katholischen Kirchenzeitung mit dem Hinweis auf die Absicht eines Orgelneubaues für die Bürgersaalkirche und der pauschalen Aufforderung an „interessierte Orgelbaufirmen“, ein Angebot abzugeben. Daraufhin gingen mehr als 50 Angebote im Büro der Männerkongregation ein, die natürlich weit auseinanderliegende Vorstellungen über Größe des Instruments, Disposition, Klangideal und technische Grundentscheidungen aufwiesen. Neben internationalen Topfirmen meldeten sich auch kleine und Einmann-Betriebe ohne jegliche Erfahrung in der Erstellung größerer Instrumente. Demgemäß war die Preisdifferenz enorm, wobei die Angebote selbst untereinander nicht vergleichbar waren.
In dieser Situation der Aporie wandte sich der Präses P. Richard von Aretin SJ an den Orgelsachverständigen der Erzdiözese München und Freising, Dr. Michael Hartmann, mit der Bitte um Beratung und Erstellung eines Ausschreibungstextes, der dann im Juli 1992 gezielt an einige renommierte Topfirmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verschickt wurde.
Das zugrunde liegende Klangkonzept orientierte sich an deutsch-romantischen Klangbildern, wie sie in München durch den Hoforganisten und Hofkapellmeister, Orgelsachverständigen und Professor an der Königlichen Akademie der Tonkunst, dem Vorgängerinstitut der Münchner Musikhochschule, Josef Rheinberger, vertreten wurde. Für die neue, 1896 von Franz Borgias Maerz (ab 1905 Königlicher Hoforgelbaumeister) erbaute Orgel legte Rheinberger die Disposition samt Entscheidungen zum Spielsystem (pneumatisch) fest. Das Archiv der Bürgersaalkirche bewahrt noch sein Abnahmegutachten vom 22. April 1896 auf.(1)
Die rund einhundert Jahre später errichtete Orgel bietet bis ins Detail auch einige Register der Rheinberger-Disposition.(2)
Der Auftrag für den Neubau erging an die Firma Orgelbau Vleugels in Hardheim (Baden-Württemberg), die in dieser Klangwelt – die zu diesem Zeitpunkt in der Orgelwelt durchaus nicht im Fokus stand – durch die Renovierung einschlägiger Instrumente (z.B. in Mannheim, Heidelberg, Görlitz, Prag) über große Expertise und internationales Renommee verfügte. Bereits am 19. Dezember 1994 konnte der Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, die neue Orgel weihen.
Zunächst blieben von den disponierten 50 Registern noch 6 Register (darunter das Glockenspiel) aus Kostengründen ausgespart (wobei die technische Vorrüstung für den späteren Einbau – Platz auf den Windladen, Registerzüge, Kapazitäten der elektronischen Setzeranlage – bereits vorhanden war). Doch schon im Folgejahr wurde die Orgel vollständig ausgebaut.
Schon bald wurde dieses Instrument in Fachkreisen im In- und Ausland bekannt; bis heute kommen immer wieder Organisten, Organistinnen, Orgelbauer und Kirchenverwaltungsmitglieder um die Vleugels-Orgel zu spielen und kennenzulernen, das als ein Referenzinstrument für das Haus Vleugels gilt.
(1) Publiziert bei Michael Hartmann, Zur Musik geschichte der Kongregation, in: Vorstand der Kongregation (Hrsg.), 400 Jahre Marianische Männerkongregation am Bürgersaal zu München, Regensburg 2010, 71-80, hier 78.
(2) Die Disposition sowie technische Detailangaben finden sich in der Festschrift zur Orgelweihe: Marianische Männerkongregation (Hg.), Die Pater-Rupert-Mayer-Orgel in der Kongregationskirche der Marianischen Männerkongregation am Bürgersaal zu München, Regensburg 1994, 12f.

