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Mariä Verkündigung am Bürgersaal zu München

Papst Franziskus (2013-25)– Rückblick auf ein Pontifikat

Mittwoch
25. März 2026
19:30 Uhr

Vortrag:
Referent: Pater Karl Kern SJ, Präses der Marianischen Männerkongregation

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Papst Franziskus (2013-25)
– Rückblick auf ein Pontifikat
Bürgersaal, 25.3.2026

Am Ostermontag des letzten Jahres, am 21. April, ist Papst Franziskus im Alter von 88 Jahren verstorben. Eine Einordnung und Beurteilung seines zwölfjährigen Pontifikates wird erst im längeren Abstand der Geschichte möglich sein. Ich will jedoch versuchen, die Grundanliegen dieses Papstes vor dem Hintergrund der Geschichte von Kirche und Papsttum innerhalb der letzten drei Jahrhunderte zu skizzieren und auf die Zukunft seines Hauptanliegens hinweisen.

Drei Thesen

Zu Beginn drei Thesen:
Papst Franziskus ist für mich der erste Papst, der durchgängig aus dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) lebte und wirkte. Die Vorgängerpäpste Paul VI., Johannes Paul I. und Benedikt XVI. haben zwar am Konzil teilgenommen, doch ihre religiös-kirchliche Sozialisation lag weitgehend in der vorkonziliaren Zeit. Jorge Mario Bergoglio, Jahrgang 1936, war zum Ende des Konzils 28 Jahre jung. Vier Jahre nach dem Konzil 1969 wurde er zum Priester geweiht. In seiner Frömmigkeit wurde er geprägt von seinen piemontesischen Vorfahren, von der argentinischen Volksfrömmigkeit und der dortigen Variante der von Rom bekämpften Theologie der Befreiung. Nicht zuletzt prägte ihn die ignatianische Spiritualität des Jesuitenordens. Er erlebte als Lehrer, Professor und Provinzial unmittelbar den Neuaufbruch, aber auch die Krisen der nachkonziliaren Zeit.
Meine zweite These: Papst Franziskus war ein Papst des Übergangs, der Aussaat, nicht der Ernte.
Die dritte These: Papst Franziskus hat durch einen neuen menschlichen, warmherzigen, evangeliumsgemäßen Stil die katholische Kirche wesentlich verändert.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Entwicklung der Kirche muss man langfristig, also in Jahrhunderten, bedenken. Deshalb ein kurzer Rückblick. Bis zur Französischen Revolution war die lateinische Kirche in das über Jahrhunderte bestehende Machtsystem der Adels- und Fürstenherrschaft integriert. Bischöfe waren ausnahmslos Adelige, in Deutschland meist auch Landesherren. Der Papst war nicht nur die juristische Zentralinstanz für die westliche Christenheit, sondern auch weltlicher Herrscher im Kirchenstaat. Dieses alte System brach mit der Französischen Revolution zusammen. Papst Pius VI. wurde von Napoleon nach Frankreich verschleppt und starb 1799 als Gefangener in der Zitadelle von Valence. „Pius VI. und der Letzte“ wurde zum geflügelten Wort. Der siegreiche General der Revolution spürte allerdings, je mehr er zur Alleinherrschaft aufstieg, dass er zu deren Stabilisierung eine sakrale Legitimation brauchte. 3 Jahre vor seiner Kaiserkrönung in Notre Dame schloss er 1801 mit dem Vatikan einen Staatskirchenvertrag, ein sog. Konkordat, durch das die weltliche Herrschaft der Kirche beendet und die katholische Kirche als vom Staat abhängige Institution neu geordnet wurde.
Dieses Modell setzte sich auf dem Wiener Kongress durch. Die Kirche, die sich in der Folge der Revolution, aber auch des aufgeklärten Staatskirchentums elementar bedroht fühlte, setzte im 19. Jahrhundert auf zwei Faktoren: Bürokratisierung und Zentralisierung. Beides sah man als Garanten der sicheren Weiterexistenz. Dieses System institutioneller Sicherung war begleitet von einer radikalen Abwehr aller modernen Ideen: Allgemeine Menschenrechte, Religionsfreiheit, Demokratie und freie Wissenschaft wurden fundamental abgelehnt. Die Zentralisierung erlebte ihren Höhepunkt im Ersten Vatikanischen Konzil von 1869-70, das die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisierte, und schließlich im Antimodernisten-Eid von 1910, den alle Kleriker ablegen und mit dem sie allen modernen Ideen abschwören mussten. Die Kirche, pyramidal und hierarchisch verfasst, verstand sich als Fels in der Brandung: gegen die bedrohliche bürgerliche Moderne des 19. Jahrhundert. Im zwanzigsten Jahrhundert richtete sich die Abwehr gegen die Totalitarismen von links, aber auch von rechts. Doch den Letzteren fühlte man sich eher nahe.
Dieses antimodernistische, pyramidale System wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil aufgebrochen. Das neue Bild für die Kirche war das durch die Geschichte wandernde Gottesvolk. Das Miteinander von Ortskirchen und Zentrale wurde neu bewertet, andere Religionen gewürdigt, die pauschale Verurteilung der Juden überwunden, die Freiheit der biblischen Wissenschaft und anderer Wissenschaften wurden gefördert, Demokratie und die eigenständige Verantwortung der Laien wurden betont. Papst Johannes hatte, so sein Bild, ein Fenster zur modernen Welt aufgemacht. Doch Karl Rahner, der mit seiner Theologie diesen Durchbruch des Konzils entscheidend mitgeprägt hatte, hielt 1965 im Herkulessaal einen Vortrag, in dem er die Beschlüsse des Konzils als „Anfang eines Anfangs“ bezeichnete. Konzilien bräuchten, so meinte er, Jahrhunderte, bis sie sich allmählich durchsetzen würden.
Die nachkonziliaren Päpste haben, so muss man sagen, den Reformeifer, den das Konzil initiierte hatte, eher gebremst als nach vorne entwickelt. Johannes XXIII. hatte noch einen „Sprung nach vorne“ gefordert. Die Krise der Kirche spitzte sich vor allem in der westlichen Welt zu. Der weltweite Missbrauchs-skandal tat ein Übriges dazu, sodass Benedikt resignierte und sich die Kardinäle im Konklave von 2013 für einen Reformer entschieden.

Der Mensch und Christ Jorge Mario Bergoglio

Jeder Papst wählt für sein Wappen einen Wahlspruch, der sein Selbstverständnis ausdrückt. Gewöhnlich ist das ein Schriftzitat. Franziskus, der erste Jesuit und – seit dem 8. Jahrhundert – der erste Nichteuropäer entschied sich für das Wort eines Theologen, des angelsächsischen Benediktiners Beda Venerabilis aus dem achten Jahrhundert: „Miserando atque eligendo“. Die Wendung bezog sich bei Beda auf die Berufung des Zöllners Matthäus (Mt 9,9 par.) Wörtlich übersetzt lautet der Wahlspruch: „Aus Erbarmen und durch Wahl“. Man könnte auch sagen „in wählender, freier Barmherzigkeit“. Damit ist das Verhalten Jesu, ja, seine Wesensart gut charakterisiert: Jesus sieht den einzelnen, unverwechselbaren Menschen, hier einen verhassten, aus der Synagogengemeinschaft ausgeschlossenen Steuereintreiber, und beruft ihn in seinen engsten Kreis. Die göttliche Güte ruft hier, gegen alle eingespielten Konventionen. Am 21. September 2017 sagte Papst Franziskus in seiner Morgenansprache: „Denken wir an den Blick Jesu (auf Levi, Matthäus), der so schön, so gut, so barmherzig ist, und wenn wir beten, dann spüren auch wir diesen Blick auf uns: Es ist der Blick der Liebe, der Barmherzigkeit, der Blick, der uns rettet und uns sagt, keine Angst zu haben.“
Das war das „Programm“ von Franziskus, der wie kein anderer Papst auf Menschen zugehen und sie umarmen konnte. Es war eine spontane Herzlichkeit, die von ihm ausging. Keiner seiner Vorgänger hat so oft das Wort „Zärtlichkeit“ gebraucht. Hören wir Franziskus im Originalton: „Wo tatsächlich das Evangelium ist,…herrscht immer Revolution. Eine Revolution der Zärtlichkeit.“ „Zärtlichkeit ist keine Schwäche. Sie ist vielmehr die wahre Kraft.“ „Sie ist der Weg, den die stärksten und mutigsten Männer und Frauen gegangen sind. Folgen auch wir ihm. Lasst uns mit Zärtlichkeit und Mut kämpfen. Folgt diesem Weg. Kämpft mit Zärtlichkeit und Mut… Ich bin nur ein erster Schritt.“ Mit diesen Sätzen endet seine Autobiographie „Hoffe“, die kurz vor seinem Tod erschienen ist. Dieser Appell ist sein Vermächtnis, das er mit einer großen Bescheidenheit vorträgt. Er sieht sich nur als „kleinen Schritt“. „Wir müssen Demut zeigen, Raum für den Herrn schaffen, nicht für unsere eingebildeten Gewissheiten“, hatte er wenige Sätze vorher betont.
Symbolträchtig war seine erste Reise auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa. „Vergiss die Armen nicht“, hatte ihm unmittelbar nach seiner Wahl ein brasilianischer Kardinal zugeflüstert. „Barmherzigkeit“ war für Franziskus auch ein hochpolitischer Leitbegriff und ein sehr konkreter Impuls. Rund um den Petersplatz ließ er Toiletten, Duschen und Frisiermöglichkeiten für die Scharen der Bettler, Obdachlosen und Gescheiterten schaffen. Gleich an seinem ersten Gründonnerstag ging er in ein römisches Gefängnis, um den dortigen Insassen die Füße zu waschen. Zum Heiligen Jahr 2025 öffnete er eine der heiligen Pforten Roms in einem Gefängnis.
Persönlich fiel er von Anfang an dadurch auf, dass er Reste barocker Herrlichkeit abräumte und verweigerte: Seine schlichte Kleidung, die Vorliebe für kleine Fahrzeuge, der Verzicht auf die prächtigen Gemächer des Apostolischen Palastes – all das war Ausdruck seiner Person und seines Kirchenbildes. Wenn jemand ihn zu sehr verherrlichte, konnte er heftig werden und betonen: „Ich bin ein Sünder“. Er sah sich als Sünder, den Jesus angeschaut hatte. Gegenüber dem Corriere della Sera sagte er einmal: „Der Papst ist ein Mensch, der lacht, weint, ruhig schläft und Freunde hat wie alle. Ein normaler Mensch.“ Diese Menschlichkeit hat ihn ausgezeichnet.

Dieses Verhalten war Ausdruck seines Kirchenbildes. Kirche war für ihn das wandernde Gottesvolk, das durch die Geschichte zieht – ganz im Sinne der Grundvision des letzten Konzils. „Die Kirche wird weiter voranschreiten. In ihrer Geschichte bin ich nur ein Schritt. Denn auch das Papsttum wird sich weiterentwickeln. Ich hoffe, dass es, gereift, dann auch zurückblickt, dass es immer mehr die Rolle einnimmt, die es im ersten Jahrtausend hatte“, so im letzten Kapitel seiner Autobiographie. Papst Franziskus hat das erstarrte pyramidal-hierarchische Kirchenbild radikal verändert. Er hat die Kirche aus dem langen Schatten des Ersten Vatikanums herausgeführt.
Kirche war für ihn die Gemeinschaft derjenigen, die der liebevolle Blick Jesu getroffen hatte. Kirche ist nicht das „Haus voll Glorie“, hoch auf dem Zionsberg, sondern ein zerbeultes Gebilde an der Straße, ein Feldlazarett inmitten der vielen verwundeten Menschen. Kirche begriff er als Synonym für mit-leidende Barmherzigkeit. Ihre Hirten müssen mit der Herde verbunden sein, ihren Geruch annehmen, den Schafen manchmal voran- und dann wieder hinterhergehen.

Die großen Rundschreiben

Um das Profil des argentinischen Papstes klarer zu erkennen, sollten wir kurz auf seine großen Rundschreiben blicken, die mit ihren ersten Worten immer Programmatisches ausdrücken:
Evangelii gaudium erschien in seinem ersten Jahr 2013 und war eine Art Regierungserklärung. Die Freude des Evangeliums herauszustellen war wie ein Fanfarenstoß, der einer lang gepflegten Erziehung zu Angst, Gehorsam und Unterordnung den befreienden, froh machenden Impuls der Botschaft Jesu entgegensetzte. Die erste Enzyklika thematisierte dabei nicht bloß den inneren Reichtum des Evangeliums, sondern auch den Impuls für gerechte Strukturen in unserer Welt. Ein heftig umstrittener Satz in Evangelii gaudium: „Ebenso wie das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein‘ zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen sagen. Diese Wirtschaft tötet.“
Laudato si, die ersten Worte des Sonnengesangs des heiligen Franziskus, leiteten einen Text ein, der außerhalb der Kirche mehr Beachtung fand als innerhalb. Diese Enzyklika thematisierte „das gemeinsame Haus“, wie sich Franziskus ausdrückte. Sie war ein Lob der Schöpfung Gottes und führte eindringlich die Bedrohung vor Augen, die unserem Planeten durch Raubbau droht. Und – typisch für Franziskus – er verknüpfte die ökologische mit der Armutsfrage. Er blickte auf die Welt von der Peripherie, von den Armen und jenen Ländern her, die von den reichen Zentren ausgenutzt und ausgebeutet wurden.
Amoris laetitia“ von 2016 stellte die Liebe als ein Gottesgeschenk heraus, das der Freude am Leben dienen soll. Er ermutigte dazu, Menschen in sog. irregulären Verhältnissen nicht von vorneherein von den Sakramenten auszuschließen, sondern immer auf die Situation der Einzelnen mit pastoraler Klugheit zu schauen. Berühmt wurden auch seine erfrischenden spontanen Äußerungen in Interviews: „Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willen hat, wer bin ich, ihn zu verurteilen?“ Zum umstrittenen und geflügelten Wort ist sein Appell für verantwortete Elternschaft geworden: „Manche glauben, um gute Katholiken zu sein, müssen wir – entschuldigen Sie den Ausdruck – wie die Kaninchen sein. Nein! Verantwortete Elternschaft!“
Fratelli tutti, erschienen 2020, stellte die soziale Freundschaft und die allgemeine Geschwisterlichkeit der Menschen heraus. Diese Enzyklika war Ausdruck des interreligiösen Selbstverständnisses, das dieser Papst lebte, der in einem multikulturellen und multireligiösen Viertel von Buenos Aires aufgewachsen war. In der muslimischen Welt wurde er nach seinem Tod auffallend gewürdigt. Mit dem jüdischen Oberrabiner von Buenos Aires verband ihn eine enge Freundschaft.
„Dilexit nos“, sein letztes Rundschreiben von 2024, rückte die Liebe Christi und die Verehrung des liebenden Herzens Jesu noch einmal in den Mittelpunkt allen kirchlichen Lebens. Damit schließt sich im Grunde der Kreis zu seinem anfangs gewählten Wahlspruch.
Vielleicht muss man betonen, dass das Programm dieses Papstes vor allem in seinen kurzen Morgenansprachen zum Ausdruck kam. Franziskus war durch und durch Seelsorger, aber – von manchen anfangs unterschätzt – er war auch ein Intellektueller von hohen Graden. Mich hat seine breite literarische und philosophische Bildung, die sich in seiner Autobiographie zeigte, beeindruckt. Auch seine Schreiben etwa zu Jubiläen von Blaise Pascal oder Therèse von Lisieux hatten mehr Substanz und Einfühlungsvermögen als viele gelehrten Bücher. Im Jahr 2024 besuchte er als erster Papst die Biennale. Doch der erste Besuch in Venedig galt einem Frauengefängnis. Diese Verbindung charakterisierte ihn.
Auch sein Schreiben über die „Bedeutung der Literatur für die Bildung“ vom August 2024 setzte für die Katholische Kirche neue Maßstäbe: Literatur zu lesen ist nach Franziskus nötig zur Horizonterweiterung, hilft gegen intellektuelle Verkrustung, lehrt Empathie und Perspektivenwechsel, nährt Herz und Verstand und erzieht in einer schnelllebigen Zeit zu Vertiefung und Langsamkeit. Das alles dient letztlich der spirituellen Entwicklung eines Menschen.
Unvergessen ist sein einsamer Auftritt auf dem menschleeren, verregneten Petersplatz am 27. März 2020, als die Corona-Pandemie das öffentliche Leben lahmlegte und Rom und Italien eines der am meisten betroffenen Länder war: „In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von den materiellen Dingen betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: Wach auf, Herr!“
Als erster Papst nahm er im Juni 2024 auf einem G7-Gipfel teil und sprach über Künstliche Intelligenz, warnte vor tödlichen autonomen Waffen und mahnte die politische Verantwortung des Menschen an, die er nicht an Maschinen abgeben dürfe. Franziskus war immer auf der Höhe der Zeit und stellte sich den Herausforderungen der Gegenwart.
Noch während seines letzten Krankenhausaufenthaltes hat Franziskus den Text zum diesjährigen Kreuzweg am Kolloseum geschrieben, der noch einmal seine großen Themen bündelte und spirituell mit eindringlicher Sprache zu Geltung brachte. Für mich ist dieser bewegende Text sein Testament.

Kritik

Der Grundimpuls dieses Papstes ist zweifelsohne reformorientiert. Papst Franziskus steht im Strom der modernen Freiheitsgeschichte und der globalisierten Welt, – aber er, der Papst aus der südlichen Hemisphäre, sah auch sehr klar die Schattenseiten der Moderne. Er förderte die Vision der einen, pluriformen Weltkirche. Bis zum Konzil hatten wir eine europäisch dominierte Theologie und Kirche. Franziskus hat viele Bischöfe von der Peripherie ins Kardinalskollegium berufen und traditionell gesetzte Städte in Europa wie zB Venedig übergangen. Er hat Frauen hohe Ämter im Vatikans übertragen. Er hat die Finanzen des Vatikans neu geordnet. Er ging mit großer Konsequenz den Missbrauchsskandal an. Er geißelte immer wieder den verbreiteten Klerikalismus. Franziskus hat in vielen Fragen der Lehre, der Moral und Pastoral nicht lehramtlich entschieden. Er hat die Dinge offengelassen, weil er wusste: unsere ist Welt immer im Fluss und wir brauchen, um die Zukunft zu meistern, das gemeinsame Gespräch, wir brauchen Geduld, Stille und das Gebet.
Das hat ihm Kritik eingebracht. Den Konservativen war vieles zu vage oder gar häresieverdächtig. Sie spürten genau, dass dieser Papst das traditionalistische Denken aufbrach und die katholische Kirche aus dem Schatten des Ersten Vatikanums herausführte. „Franziskus unter Wölfen“, hieß ein Buch des Vatikankenners Marco Politi von 2015. Kein Papst vor ihm hatte in kurzer Zeit so viele hohe Kurialbeamte entlassen. Das schuf Feinde. Außerdem musste er 10 Jahre mit seinem Vorgänger zusammenleben, der weiterhin in der weißen Soutane sich zeigte und auf öffentliche Stellungnahmen nicht verzichtete. Das wurde von traditionalistischen Kardinälen ausgenutzt. Geht es in der Kirchengeschichte vor allem um die „Hermeneutik der Kontinuität“, wie es Benedikt nannte, und diese in doktrineller Klarheit, oder geht es um den immer neu gewagten Aufbruch mit all seinen Unsicherheiten, der den Zug des Volkes Gottes durch die Geschichte treffender beschreibt? Franziskus steht für die letztere Vision.
Auch von reformerischer Seite geriet Franziskus immer mehr in die Kritik. Hatte er in vielen Statements nicht Anläufe für Reformen genommen, die auf der westlichen Agenda standen – Diakonat und Priestertum der Frau, Freistellung des Zölibats – und war dann doch nicht gesprungen? Der synodale Weg in Deutschland führte zu üblen Verdächtigungen in Rom und man hatte zwischendurch den Eindruck, das Verhältnis zur Zentrale sei zerrüttet. Die Diskrepanz zwischen hoher Erwartung und nachfolgender Enttäuschung spiegelte sich vor allem in der Amazonassynode von 2019. Von einer Überzahl von Bischöfen wurde die Zulassung von „viri probati“ zur Priesterweihe, also von erprobten, verheirateten Männern, befürwortet; einfach weil es der pastorale Notstand erforderte. Dieser Punkt wurde im nachsynodalen Schreiben von 2020 weder gebilligt noch abgelehnt. Er wurde einfach nicht erwähnt!
Ich vermute, Franziskus hat das im einsamen Gebet so entschieden. Vielleicht meinte er in seiner Verantwortung für die Einheit der Weltkirche, dass der Zeitpunkt noch zu früh sei, wenn er auch als Privatperson anderer Meinung gewesen sein mag. Entscheidungen treffen konnte er durchaus! Er hatte ein ausgesprochenes Bewusstsein für den Primat und die Vollmacht des römischen Bischofs. Er konnte sehr deutlich machen, wer der Chef ist. Das vertrug sich für ihn mit seiner strahlenden, allen zugewandten Menschenfreundlichkeit.
Wir sollten bei Werturteilungen und Mutmaßungen über seine Entscheidungen oder sein Nichtentscheiden immer bedenken, was Franziskus so oft selbst betont hat: Jeder Papst ist auch ein begrenzter, fehlbarer, sündiger Mensch, der wie jeder andere Christenmensch von der Barmherzigkeit Gottes und seiner Mitmenschen lebt.

Ein neuer Stil

Um Bilanz zu ziehen, ist es immer noch zu früh. Eines kann man sicher sagen: Franziskus hat unumkehrbar für die katholische Kirche einen neuen Stil geprägt. Die erste Bezeichnung für die Gemeinde der Jesusanhänger in der syrischen Hauptstadt Antiochia war „der Weg“ oder „der neue Weg“. Dass Christen diesen Weg gemeinsam gehen das nennt man im Griechischen „Synodos“ –, ist von Anfang an in die Struktur der Kirche eingeprägt. Das letzte große Projekt von Franziskus war die Weltsynode (2021-24), die in einem jahrelangen Prozess gegenseitigen Hörens vorbereitet wurde und den er noch im März des vergangenen Jahres vom Krankenbett aus als synodalen Prozess bis 2028 verlängerte. In Rom saßen im Oktober 2024 alle, auch der Papst mit Bischöfen und Laien, um runde Tische. Es gehe darum, schrieb Franziskus in seiner Autobiographie, „die Ohren zu spitzen, um den Hauch des heiligen Geistes zu hören, der Krisen auslöst, Überraschungen bringt, Türen und Fenster aufreißt, Mauern zum Einsturz bringt, Ketten sprengt und Grenzen wegwischt.“
Franziskus leitete damit den „Anfang eines Anfangs“ ein, der ein neues Kirchenverständnis nach sich ziehen wird. Er hat bewusst kein klärendes päpstliches Abschlussdokument verfasst, sondern die Voten der Synode insgesamt veröffentlicht und später klargestellt, dass diese Zwischenergebnisse Teil des päpstlichen Lehramtes seien. Diese Entscheidung ist eine stille Revolution des bisherigen päpstlichen Amtsverständnisses! Das lebendige Gespräch und das intensive Aufeinanderhören sollten der Kirche den Weg in die Zukunft weisen.
Am 26. Oktober 2024 stellte er in einem Grußwort zum Abschluss der zweiten Session der Weltsynode fest: „Ich werde also weiterhin auf die Bischöfe und die ihnen anvertrauten Kirchen hören. Das ist nicht die klassische Methode, Entscheidungen auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Es ist das, was dem synodalen Stil entspricht, mit dem auch das Petrusamt ausgeübt werden muss: zuhören, versammeln, unterscheiden, entscheiden und bewerten. Und bei diesen Schritten sind Pausen, Stille und Gebet notwendig. Es ist ein Stil, den wir gerade gemeinsam lernen, Stück für Stück. Der Heilige Geist ruft uns und unterstützt uns bei diesem Lernprozess, den wir als einen Prozess der Umkehr verstehen müssen.“ Ich denke, diesen synodalen Prozess angestoßen zu haben, bleibt das Hauptverdienst von Papst Franziskus.
Er hat noch am Ostersonntag die Stadt Rom und die Welt gesegnet. Das hat sein Nachfolger bei seiner ersten Ansprache auf der Loggia des Petersdoms aufgegriffen. Papst Leo endete mit einem Segenswunsch und sagte: „Wir sind Jünger Christi. Christus geht uns voraus, und die Welt braucht sein Licht. Die Menschheit braucht ihn wie eine Brücke, um Gott und seine Liebe zu erreichen. Du hilfst uns, mit Dialog und Begegnung Brücken zu bauen, damit wir alle immer ein Volk in Frieden sein können. Danke, Papst Franziskus!“ Papst Leo wird die synodale Linie seines Vorgängers fortsetzen und sie als promovierter Kirchenrechtler auch strukturieren. Davon bin ich überzeugt!

Was bleibt?
Was bleibt von Franziskus? Das ist meine abschließende Frage. Vermutlich hat mit diesem Papst, ohne dass es jetzt schon groß vorzeigbar ist, eine tiefgreifende Reform der Kirche bereits begonnen. Seine Strategie ist für einen Jesuiten gut jesuanisch. Jesus hat das Judentum fundamental verändert, auf seine universale Dimension hin geweitet und in eine neue Zukunft geführt, und das nicht durch Strategien und Planungen, sondern allein durch sein lebendiges Beispiel, seine Taten, seine Worte und sein Leiden bis hin zum Tod. Sein Leben deutete er als Auslegung des nahen, gegenwärtigen Reiches Gottes. Jesus hat nichts abgeschafft, weder die Thora, noch die Beschneidung, noch den Tempelkult, obschon doch alles durch seine Verkündigung der inneren Legitimität beraubt und allein auf das persönliche Vertrauensverhältnis zu Gott und die gegenseitige Liebe konzentriert, die in ihm fassbar wurde.
Das Zentrum des Christentums ist das gelebte Leben Jesu. Und es kommt für Christen nur auf Eines an: Dem Lebensbeispiel Jesu, genauer gesagt, dem lebendigen Christus zu folgen – „miserando et eligendo“ – einfach weil der liebende Blick Jesu jeden treffen will. An Jorge Mario Bergoglio, an Papst Franziskus hat sich diese Verheißung erfüllt. Er hat der „Freude des Evangeliums“ ein Gesicht und einen Namen gegeben.

Karl Kern SJ

Homepage: Karl Kern SJ